Impfpflicht alternativlos? Unbestechliche Fakten & Zahlen

Immer mehr Fachleute – Ärzte, Professoren, Juristen – sprechen sich aktuell gegen die von Gesundheitsminister Jens Spahn auf den Weg gebrachte Masernimpfpflicht in Deutschland aus (Kabinettentwurf Masernschutzgesetz). Sogar impfbefürwortende Ärzte, die weit davon entfernt sind, Impfkritiker oder Impfgegner zu sein, befürchten, dass der Verlust der Freiwilligkeit einen gegenteiligen Effekt haben und zu vermehrten Protesten gegen das Impfen führen könnte. Abseits aller, zumeist sehr emotional geführter Debatten, gibt es aber Fakten, die der Öffentlichkeit und den verantwortlichen Politikern offenbar nicht hinreichend bekannt sind. Denn tatsächlich ist eine Impfpflicht längst hinfällig – und zwar gemessen an den Kriterien, wegen derer sie angeblich notwendig bzw. „alternativlos“ sei. Fakten, die jeder Bürger, dem das Wohl seiner Kinder und der Demokratie nicht ganz gleichgültig ist, kennen sollte. Die erfahrene und versierte Impfexpertin Angelika Müller nennt sie.

Die wesentlichen Argumente der Befürworter des neuen Impfpflichtgesetzes lauten: • Die Impfmüdigkeit nimmt zu. • Schuld daran sind die Impfgegner. • Deshalb nimmt auch die Zahl der Masernkranken zu. • Masern sind eine sehr gefährliche Infektionskrankheit – und hoch ansteckend. • Besonders gefährdet sind die, die man nicht impfen kann, allen voran Säuglinge. • Eine Herdenimmunität wird erreicht, wenn 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sind. • Durch die Herdenimmunität sind auch die geschützt, die man nicht impfen kann. • Wenn 95 Prozent geimpft sind, kann man die Masern ausrotten. •Man hat ja zuvor alles Erdenkliche versucht, aber es hat nicht funktioniert. • Deshalb ist die Impfpflicht jetzt alternativlos!

Diese Argumentationskette klingt zunächst logisch. Man kann sie leicht nachvollziehen. Ergo: Wenn man die „unverantwortlichen Impfgegner“ durch ein Gesetz zum Impfen zwingt, sind alle Probleme gelöst.

Doch stimmen diese Behauptungen auch? Es wäre ja nicht das erste Mal, dass politische Entscheidungsträger wissenschaftliche Fakten ausblenden, wie es nicht das erste Mal wäre, dass die Massenmedien willige Handlanger spielen. Wenn aber die uns allgemein präsentierten „Fakten“ falsch sind, was sind dann die echten Fakten? Lässt sich eine Impfpflicht dann überhaupt noch rechtfertigen bzw. welche vernünftigen Maßnahmen lassen sich dann von diesen echten Fakten ableiten?

Prüfen wir also die für die Einführung der Impfpflicht genannten Gründe einmal auf Herz und Nieren, während wir dabei die Ebene der konservativen Wissenschaft nicht verlassen. Alle hier angegebenen Quellen sind nachprüfbar, hieb- und stichfest, wissenschaftlich unumstritten, alle Informationen sowohl fachlich, als auch politisch und rechtlich relevant.

Sinken die Impfraten wirklich?

Kurze Antwort: Nein!

Im Gegenteil: Die Impfraten bei Kindern nehmen seit Jahren zu bzw. halten sich auf hohem Niveau. Wir sind hier bei einem der zentralen Probleme in der gesamten Diskussion um die Impfpflicht: Es wird einfach mit falschen Fakten gearbeitet und getrickst. Beispielsweise, indem alle Nicht-zweimal-Geimpften und alle nicht exakt im Zeitfenster des Impfkalenders Geimpften als „ungeimpft“ betrachtet werden. Das ist jedoch aus Sicht des Impfschutzes und der Herdenimmunität falsch.

Die staatliche Gesundheitsbehörde, die für Infektionskrankheiten zuständig ist, das Robert-Koch-Institut (RKI), sammelt seit Jahren aus allen Bundesländern die Abrechnungsdaten der kassenärztlichen Vereinigungen. So weiß man sehr genau, wie viele Kinder in welchem Alter eine Masernimpfung bekommen haben. Diese Daten werden vom RKI im Projekt „VacMap“ (engl. Vaccination Map = Impflandkarte) zur Verfügung gestellt.

Da es in Deutschland schon seit Jahren keinen Einzelimpfstoff gegen Masern mehr gibt, werden in den Abb. 1/2 die Daten der 3-fach- oder 4-fach-Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps, Röteln (MMR) – sowie ggf. Windpocken – dargestellt .

Es handelt sich dabei um die Daten aller gesetzlich versicherten Kinder im Alter von 5 Jahren. Hierbei ist wichtig, dass diese Quote vom Bundesland Sachsen erheblich nach unten gedrückt wird, weil dort die 2. MMR-Impfung viel später (bis spätestens zur Einschulung) empfohlen wird.

2. Ohne Sachsen (wo ja auch geimpft wird, nur eben später), würden sich sogar noch bessere Zahlenwerte in der Statistik ergeben. Zudem ist zu beachten, dass nur gesetzlich Versicherte erfasst werden. Diese machen jedoch 85 Prozent der Bevölkerung aus und liefern somit eine gute Datengrundlage. Die Statistik zeigt, dass die Impfraten seit Jahren kontinuierlich zunehmen. Von einer „Impfmüdigkeit“ oder von „Impflücken“ ist bei einer Erstimpfungsrate von 98,7 Prozent nichts erkennbar!

Auch die vom RKI gesammelten und jährlich veröffentlichten Impfraten aus den Einschulungsuntersuchungen belegen die stetige Zunahme bzw. den Erhalt der hohen Impfraten bei der 1. und 2. MMR-Impfung in Deutschland (Abbildung 2).

 

Bei der Einschulung im Jahr 2017 waren 97,1 Prozent der Kinder mindestens einmal gegen Masern geimpft. Seit Jahren nehmen die Impfraten sowohl bei der ersten als auch bei der zweiten MMR-Impfung stetig zu. Bei diesen Daten ist zu beachten, dass 8,4 Prozent aller Kinder den Impfausweis nicht vorgelegt haben. Von diesen Kindern ist der Impfstatus unbekannt. Ein vom RKI durchgeführter Abgleich ergab aber, dass die Kinder, die den Impfausweis nicht vorgelegt haben, die Impfraten nicht nach unten drücken. Das RKI selbst betont in einer aktuellen Veröffentlichung die positive Tendenz insbesondere bei der zweiten Masernimpfung: „Wie in den Berichten…der KV-Impfsurveillance (=Kassenärztliche Vereinigung/en) ist [auch] in KiGGS (große, bundesweite, fortlaufende Studie des RKI, in der die Impfraten bei Kindern und Jugendlichen erfasst werden.) ein deutlicher Anstieg der Impfquoten in den vergangenen zehn Jahren zu sehen…Positiv hervorzuheben ist die Tatsache, dass die Anstiege bei den Impfungen (2. Masern)…besonders groß sind …”

Abb. 1 und 2 zeigen beeindruckend die stetige Zunahme der Impfquoten bzw. das Verharren auf einem sehr hohen Niveau im Alter von 5 bis 7 Jahren (je nach Einschulungszeitpunkt).

Die VacMap-Daten stammen von Ende 2017. Auf meine Nachfrage beim RKI, warum diese Daten so veraltet sind und wann neue Daten zu erwarten sind, antwortete der zuständige Sachbearbeiter am 15.08.2019: „Derzeit haben wir einen IT-Notstand am RKI, so dass es hier zu weiteren Verzögerungen bei den Auswertungen kommt. Momentan liegen also keine weiteren Masern-/Rotavirus-Daten vor, folglich gibt es nichts zum Aktualisieren auf VacMap. Die eingeschränkten IT-Ressourcen bedingen zudem, dass der Ausbau von VacMap nicht so schnell voranschreitet, wie wir uns das wünschen.“ Diese Aussage lässt vermuten, dass hier möglicherweise Probleme vorliegen, die man vertuschen möchte.

Da im Gesetz die Impfpflicht für Kinder eingeführt werden soll, wurden hier zunächst die Impfraten bei Kindern beleuchtet.

Warum sind die Impfraten bei der 2. Impfung niedriger?

In allen Statistiken fällt auf, dass die Impfrate der zweiten MMR-Impfung niedriger liegt als bei der ersten. Politik und Medien erklären das mit „Impfmüdigkeit“ oder gar „Impfgegnerschaft“. Es widerspricht jedoch dem gesunden Menschenverstand, dass Eltern, die ihre Kinder einmal impfen lassen, plötzlich Impfgegner werden und deshalb die zweite Impfung nicht mehr verabreichen lassen.

Es liegt auf der Hand – und wird durch Studien und Umfragen gestützt –, dass eine der eigentlichen Ursachen in den nach der ersten Impfung auftretenden Nebenwirkungen zu finden ist.

In der KiGGS-Studie wurden u.a. Nebenwirkungen nach Impfungen abgefragt. Die MMR-Impfung war die am häufigsten genannte Impfung, nach der Nebenwirkungen auftraten. Als häufigstes Symptom nach einer MMR-Impfung wurden die sog. Impfmasern genannt.

Bei Impfmasern entwickelt der Geimpfte durch die Impfung eine abgeschwächte Form der Masern mit Fieber und Ausschlag.

Das RKI schreibt dazu: „Da der Masernimpfstoff ein abgeschwächtes, aber noch vermehrungsfähiges Masernvirus ent- hält, kommt es bei rund fünf Prozent der Geimpften nach etwa einer Woche zu einem masernartigen Hautausschlag und Fieber. Diese Symptome gehen in der Regel mit der Ausbildung einer guten Immunität gegen Masern einher.“

Lassen Sie mich das noch einmal explizit wiederholen: Genau die Geimpften, die nach der 1. MMR-Impfung Impfmasern entwickeln (Nebenwirkung) und deshalb die zweite Impfung nicht mehr verabreichen lassen, sind also in der Regel immun.

Aus zahlreichen persönlichen Schilderungen sind der Verfasserin Ärzte bekannt, die in solchen Fällen die Immunität durch eine Bestimmung der Menge der Antikörper im Blut (sog. Titer) überprüfen. Bei einer im Labortest bestätigten Immunität wird dann auf die unnötige 2. Impfung verzichtet.

Hier decken wir also schon den nächsten Trick auf: Die aus den oben genannten Gründen niedrigere Impfrate bei der zweiten Impfung wird benutzt, um die angebliche „Impfmüdigkeit“ zu „belegen“. Nicht selten wird sogar ausschließlich die Impfrate der zweiten MMR-Impfung in den Medien verwendet, allerdings ohne darauf hinzuweisen, dass sie mit „geimpft“ nur die Zweimalgeimpften meinen.

So wird der falsche Eindruck erweckt, dass alle nicht zweimal Geimpften „völlig ungeimpft“ seien. Eltern, die ihrem Kind „nur“ eine MMR-Impfung geben ließen und von der zweiten Impfung wegen Nebenwirkungen Abstand genommen haben, in eine Schublade mit Eltern zu stecken, die ihr Kind gar nicht haben impfen lassen, ist unwissenschaftlich, unangebracht und entspricht nicht den Tatsachen. Genau das tut aber das geplante Impfpflicht-Gesetz.

Bei allen oben erwähnten Geimpften, die nach der ersten MMR-Impfung die Impfmasern durchmachten, kann jedoch da- von ausgegangen werden, dass die Impfung angeschlagen, d.h. gewirkt hat. Also ist gerade bei denen, die eine zweite Impfung wegen der Nebenwirkung (nach der ersten Impfung) ablehnen, in einem hohen Prozentsatz von einem Impfschutz auszugehen. Damit wäre die zweite Impfung in diesen Fällen überflüssig.

Auch das ist ein weiterer problematischer Mechanismus in der Debatte rund um die Masern und die Impfpflicht: Es fehlt die wissenschaftlich dringend nötige Differenzierung – in der Begründung des Gesetzes wie auch in den Massenmedien.

Wie viele Impfungen werden benötigt?

Die Masernimpfung ist eine sogenannte Lebendimpfung, da sie aus noch vermehrungsfähigen (quasi lebenden) Impfviren besteht. Nach der Impfung vermehren sich die Impferreger im Organismus und lösen eine der normalen Infektion nahekommende Immunreaktion aus. Daher ging man lange Zeit davon aus, dass eine einzige Masernimpfung lebenslangen Schutz bewirken würde.

Bei jeder Impfung gibt es jedoch Menschen, die nicht auf die Impfung reagieren, d.h. keinen Impfschutz aufbauen. Die Gründe sind vielfältig. So können zum einen ein ungünstiger Impfzeitpunkt (durch Stress geschwächtes Immunsystem) oder ein Fehler bei der Verabreichung der Impfung (falsche Lagerung des Impfstoffs oder falsche Impftechnik des Arztes), aber auch angeborene Besonderheiten (angeborene Immunschwäche) eine Rolle spielen.

Auch bei der Masernimpfung sprechen einige wenige Menschen erst auf die zweite Impfung an. Für die überwiegende Mehrheit der Geimpften reicht jedoch eine einzige Impfung für einen lebenslangen Schutz.

Für die Menschen, die nach der ersten MMR-Impfung keine ausreichende Immunität aufbauen, wurde die zweite Impfung eingeführt. Um aus den zuvor genannten Impfraten die tatsächliche Immunität innerhalb der Bevölkerung zu berechnen, benötigen wir den Prozentsatz der Menschen, die nach einer bzw. nach zwei MMR-Impfungen Immunität aufbauen.

Das RKI schreibt hierzu in seinen FAQ (Fragen und Antworten) zur MMR-Impfung:

„Unabhängig vom Impfalter (mindestens aber 9 Monate) und geographischer Region beträgt die Effektivität einer Ma- sern-Impfstoffdosis im Durchschnitt 91 Prozent. […] Die Impfeffektivität der zweimaligen Masernimpfung zur Verhinderung einer Masernerkrankung wurde in dieser Übersichtsarbeit unter Berücksichtigung von Studien aus Europa je nach Studie mit 93 bzw. 99 Prozent angegeben.“

Laut der Krankenkassendaten (VacMap) sind 98,7 Prozent der Kinder im Alter von 5 Jahren mindestens 1x gegen Masern geimpft, 91,1 Prozent 2x (Abb. 1).

Betrachten wir eine durchschnittliche Gruppe von 1.000 Kindern im Alter von 5 Jahren, deren Zusammensetzung exakt der deutschen Bevölkerung entspricht. Gehen wir von einer im ungünstigsten Fall nur bei 91 Prozent der Geimpften vorhandenen Immunität und von einer im günstigsten Fall bei 99 Prozent der Geimpften vorhandenen Immunität bei zweimal Geimpften aus. (Damit stützen wir die Aussage, dass die Kinder ohne oder mit nur einer Impfung das Problem seien und unbedingt eine zweite Impfung bräuchten, um die nötige Herdenimmunität zu erreichen.)

Von der Gruppe aus 1.000 Kindern ergibt sich hier also, dass insgesamt 97,1 Prozent (971) der 1.000 Kinder immun sind. Interessanterweise hat die europäische Behörde für Infektionskrankheiten (ECDC) in ihrem Bericht zur Risikobewertung vom Mai 2019 exakt die gleiche Zahl für Deutschland veröffentlicht: „geschätzte Bevölkerung von 0 – 20 Jahren ohne Immunität: 2,9 Prozent“.

Laut Vorgaben der nationalen und internationalen Gesundheitsbehörden müssen mindestens 95 % der Bevölkerung immun sein, damit die für die Herdenimmunität oder für die Elimination nötige Immunität auf Bevölkerungsebene erreicht wird. Die Immunität der Kinder liegt in Deutschland also schon weit oberhalb dieser Schwelle für Herdenimmunität. Aus diesen Gründen ist eine Impfpflicht im Kindesalter definitiv nicht zu rechtfertigen.

Wird in Deutschland zu spät geimpft?

In zahlreichen Veröffentlichungen wird betont, dass die Impfungen in Deutschland angeblich zu spät erfolgen würden. Die nicht gemäß staatlichen Empfehlungen zeitgerecht erfolgten Impfungen seien ein großes Problem. Dadurch würde angeblich die Elimination verhindert. Es würde deshalb angeblich immer wieder zu Masernausbrüchen kommen.

Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STI-KO) empfiehlt die erste Masernimpfung im Alter von 11 bis 14 Monaten und die zweite von 15 bis 23 Monaten. Damit zählt Deutschland zu den wenigen Ländern, welche die Masernimpfungen so früh empfehlen.

In den meisten anderen europäischen Ländern wird später geimpft als in Deutschland (Abbildung 3). Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hat alle 30 Länder in vier Gruppen eingeteilt.

Unter den 7 Ländern, welche die zweite Masernimpfung erst im Alter von 10 bis 13 Jahren vorsehen, haben 6 Länder von der WHO die Elimination zertifiziert bekommen. Die 5 EU-Länder, welche die Masern bis zum Jahr 2017 nicht eliminiert hatten, sind über alle vier Gruppen verteilt. Der Zeitpunkt der zweiten Masernimpfung hat also ganz offensichtlich keinen Einfluss auf die Elimination! Auch dieser Fakt spricht somit nicht für eine Impfpflicht.

Bevor wir nun zum entscheidenden Argument kommen, lassen Sie mich die wichtigsten Stichpunkte der bisherigen Aussagen einmal kurz zusammenfassen, damit wir nichts Wichtiges aus den Augen verlieren:

Zwischenbilanz

(1) Die Impfrate bei Masern sinken keinesfalls, sondern steigen seit Jahren stetig bzw. befinden sich auf einem höheren Niveau als in einigen Ländern, in denen seit Längerem eine Impfpflicht besteht. Und in vielen Ländern, in denen die Masern als eliminiert gelten, sind die Impfraten nicht höher als in Deutschland. Ein Gesetz zur Zwangsimpfung bei Masern in Deutschland ist also weder begründet noch angemessen noch nötig noch logisch bzw. durch das Argument „niederer“ oder „sinkender Impfraten“ keinesfalls zu rechtfertigen.

(2) Auch Menschen mit „nur“ einer Masernimpfung sind in den allermeisten Fällen gegen Masern immun. Die tatsächliche Gesamt-Immunität innerhalb der deutschen Bevölkerung beträgt bei Kindern 97,1 Prozent und liegt damit deutlich höher als die geforderten 95 Prozent, die für eine „Elimination der Masern“ vorgeschrieben sind. Ein Gesetz zur Masernimpfpflicht ist bei einer Immunisierungsrate von 97,1 Prozent durch das Argument fehlender Immunität also nicht zu rechtfertigen und daher unbegründet.

(3) Es gibt keinen sichtbaren Zusammenhang zwischen Impfpflicht und der Elimination der Masern, d.h. es gibt sowohl Länder mit Impfpflicht, in denen die Masern nicht eliminiert wurden, als es auch Länder ohne Impfpflicht gibt, in denen die Masern bereits eliminiert wurden. Denn für die Elimination, wie sie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert wird, sind ganz andere Dinge nötig. Beispielsweise ordentliche Verwaltungsarbeit der Behörden – was uns nun nahtlos zum entscheidenden Punkt bzw. zur folgenden Frage bringt:

Warum hat Deutschland die Masern nicht längst eliminiert?

Im Gesetzentwurf (Kabinettsentwurf) wird ausdrücklich betont, dass mit dem Impfpflichtgesetz die Elimination der Masern in Deutschland erreicht werden soll und dass die gesetzliche Impfpflicht wieder aufgehoben werden kann, wenn die WHO die Masernelimination für Deutschland bestätigt hat. Es stellt sich also die Frage, warum Deutschland das noch nicht geschafft hat. Dann wäre das Gesetz ja offensichtlich überflüssig. Deutschland gehört zu den wenigen Ländern in Europa, die den Status „Elimination“ noch nicht erreicht haben. Deshalb entsteht aktuell ein immer größerer Druck auf Deutschland.

Umgangssprachlich wird der Begriff „Elimination“* meistens mit Ausrottung übersetzt. Das würde bedeuten, dass es keine Masern mehr gibt. Die von der WHO definierte „Elimination“ bedeutet jedoch etwas ganz anderes: Wenn der Nachweis erbracht werden kann, dass in drei aufeinanderfolgenden Jahren kein einzelner Masernausbruch länger als 12 Monate anhielt, gelten die Masern in diesem Land als eliminiert. Hierfür ist ein umfangreiches Überwachungssystem nötig – die dadurch gewonnenen Fakten müssen nach genau festgelegten Regeln der WHO belegt und berichtet werden. Für die Elimination in Europa ist das Regionalbüro Europa der WHO zuständig.

Im Idealfall gehört jeder Masernfall zu einer Übertragungskette, d.h. es ist bekannt, wo er sich angesteckt hat und wen er angesteckt hat (siehe Abbildungen 4a und b). Mit dem ersten Fall, der sich z.B. im Ausland angesteckt hat, geht es los. Die von einem Masernfall Angesteckten werden mit ihm verbunden, diese dann wieder mit denen, die sie angsteckt haben, und so wei- ter. Irgendwann gibt es keine neuen Masernfälle mehr. Dann ist der Ausbruch beendet. Falls nun alle in einem Jahr aufgetretenen Masernausbrüche, d.h. alle sorgfältig erfragten und notierten Übertragungsketten, kürzer als 12 Monate dauern, hat Deutschland den Nachweis der Unterbrechung der Viruszirkulation erbracht und bekommt von der WHO die 12-monatige Unterbrechung bescheinigt. Erfolgt dies in drei aufeinanderfolgenden Jahren, hat Deutschland die Masern – gemäß der WHO-Definition – eliminiert.

 

 

Meistens haben diese Übertragungsketten jedoch Lücken. Es können nicht alle Fälle, die im gleichen Zeitraum und in der gleichen Region auftreten, zugeordnet werden (wenn z.B. nicht ermittelt werden kann, bei wem sich jemand angesteckt hat). Es gibt dann Einzelfälle, die quasi in der Luft hängen. Hier greift ein weiteres von der WHO vorgesehenes Werkzeug, um diese Einzelfälle doch noch einem Ausbruch zuordnen zu können:

Die Masernviren unterscheiden sich je nach Ausbruch minimal in ihrem Erbgut, also den Gensequenzen, die sie in ihrem Inneren bergen. Dadurch können sie im Labor unterschieden werden. Auf diese Weise können auch Einzelfälle einem Aus- bruch zugeordnet werden. Voraussetzung hierfür ist, dass sowohl von dem Ausbruch als auch von dem Einzelfall der sog. Feintyp (= Masernviren unterscheiden sich minimal im Erbgut, welches sie in sich tragen. Die Wissenschaft unterteilt hier bis- her 8 Haupttypen, die mit den Buchstaben A, B, C bis H gekennzeichnet werden. Der Erbgutstrang des Virus ist von einer sog. Kapsel umhüllt, die aus Proteinen besteht. Auch diese Kapselproteine unterscheiden sich, so dass die Typen A-H weiter in Sub- typen unterteilt werden. Diese Subtypen werden durch Ziffern nach dem Buchsta- ben gekennzeichnet, also z.B. „B3“ oder „D8“. Gegenwärtig sind insgesamt ca. 23, 24 Subtypen bekannt, wobei aber heutzu- tage weltweit nur zwei, drei zirkulieren. Diese Subtypen können durch noch feine- re Analysen der jeweiligen Kapselproteine weiter spezifiziert werden in sogenannteFeintypen, die mit weiteren Nummern ver- sehenwerden,alsoz.B.„B3-5678“ o.ä.)

bestimmt wird.

Für die erfolgreiche Elimination (nach WHO-Definition) ist also vorrangig die möglichst lückenlose Darstellung dieser Übertragungsketten notwendig.

Hierfür stehen zwei Werkzeuge zur Verfügung: (1) Die Befragung von Masernfällen (wo angesteckt und wen angesteckt) und (2) die Feintypisierung der Masernfälle im Labor.

Wie häufig diese beiden Werkzeuge eingesetzt werden und wie gut sie funktionieren, muss für die WHO nach genau definierten Regeln und Grenzwerten nachgewiesen werden. Zum Beispiel muss bei mindestens 80 Prozent aller Masernfälle der Ursprung – mit den Methoden 1 oder 2 – ermittelt worden sein.

Deutschland ist hiervon leider weit entfernt. Wie aus der umseitigen Tabelle entnommen werden kann (s. unten), ist aktuell (2019) nur bei 64 Prozent der Masernfälle der Ursprung bekannt (rote Zahl in der vorletzten Spalte der Zeile für Deutschland).

Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) ermittelt den Fortschritt der Elimination seit Jahren und veröffentlicht die Daten aller angeschlossenen 30 Länder des europäischen Wirtschaftsraums (EU plus Island und Norwegen). Diese Länderdaten wurden in der umseitigen Tabelle zusammengefasst dargestellt und um Daten der WHO für die Region Europa ergänzt. Die roten (fettgedruckten) Zahlen erfüllen die Vorgaben der WHO nicht.

Die 5 lilafarbigen hinterlegten Länder (s. Abb. 3) haben für das Jahr 2017 von der WHO nicht den Status „eliminiert“ zuerkannt bekommen. Im vorläufigen Bericht der WHO für das Jahr 2018 sind weitere 4 Länder hinzugekommen, und ein Land hat den Nachweis der Unterbrechung der Zirkulation für 12 Monate erbracht. Deutschland hat unverändert den Status „endemisch“ – was vor allem bedeutet, dass der Nachweis nicht erbracht wurde.

Oft wird betont, dass für eine Elimination mindestens 95 Prozent der Bevölkerung zwei Masernimpfungen erhalten haben müssten. Diese Vorgabe erreichen aber nur 4 der 30 Länder.

Unter den anderen 26 Ländern sind viele, welche die Masern seit Jahren schon – nach WHO- Definition – eliminiert haben!

Das spricht für eine untergeordnete Rolle dieses Faktors (95 % Zweimalgeimpfte) bei der Elimination. Im europäischen Schnitt erhalten 4,4 Prozent der Menschen zwischen 0 und 20 Jahren keine Masernimpfung. Deutschland steht hier mit vergleichsweise lediglich 2,9 % gut da. Viele Länder mit Elimination haben schlechtere Impfraten als Deutschland.

 

Häufig wird die Anzahl der Masernfälle pro 1 Mio.Einwohner (sog. „Inzidenz“*) als notwendige Maßzahl für die Elimination genannt. Deutschland (82 Millionen Einwohner) dürfte also nicht mehr als 82 Masernfälle pro Jahr haben. Dieser Wert wurde seit Einführung der Meldepflicht für Masern kein einziges Mal erreicht. In der Tabelle fällt jedoch auf, dass im Jahr 2018 lediglich eines der 30 Länder (und im Jahr 2019 zwei) diesen niedrigen Wert erreicht haben. Viele der Länder mit Masernelimination liegen weit darüber. Auch diese Kennzahl scheint also auf die Elimination keinen nennenswerten Einfluss zu haben. Wohl deshalb hat die WHO seit letztem Jahr in dieser Spalte die rote Markierung für Werte oberhalb des Grenzwertes von 1 entfernt.

Deutschland steht mit 6,59 Fällen im Jahr 2018 und 5,26 Fällen im Jahr 2019 pro einer Million Einwohner (Inzidenz) im Vergleich mit den anderen Ländern wiederum gut da.

Es stellt sich also die Frage, wo Deutschland im Ländervergleich wirklich steht. Hierfür wurden alle 30 Länder jeweils für diese drei Kennzahlen (• Rate der nicht gegen Masern geimpften 0- bis 20-Jährigen, • Inzidenzen für 2018 und • 2019) aufsteigend sortiert – und Punkte vergeben. Der Schlechteste bekam einen Punkt, der Nächste zwei usw. Für jedes Land wurde die Summe aus den Punkten der drei Kennzahlen gebildet und in Abbildung 5 (unten) dargestellt. Je mehr Punkte ein Land hat, desto besser steht es im internationalen Vergleich da.

Die Sternchen bedeuten Länder mit Impfpflicht. Die blauen (dunklen) Balken repräsentieren Länder mit Elimination. Die orangefarbenen (helleren) Balken sind „endemische“ Länder (mit Masernzirkulation) 2017/ 2018. Der noch hellere Orangeton bedeutet, dass diese Länder erst 2018 neu „endemisch“ wurden. Wie zu erwarten, sind am linken Bildrand, bei den niedrigen Punkteständen, vermehrt die Länder angesiedelt, welche die Masern nicht eliminiert haben. Eine Impfpflicht (Länder mit Stern) hingegen scheint kein Garant für eine hohe Punktezahl bzw. gute Kennzahlen zu sein, denn tatsächlich haben viele Länder ohne Impfpflicht bessere Werte als solche mit.

Deutschland liegt mit seiner hohen Punktzahl im oberen Drittel und stellt mit seinem orangefarbenen Balken sichtbar einen Ausreißer in diesem Feld dar. Es stellt sich daher die Frage, warum Deutschland den WHO-Status der Elimination bisher nicht erreicht hat, wo es doch eigentlich so gut dasteht. An den untersuchten Kennzahlen (hohe Impfraten und niedrige Inzidenzen) kann es nicht liegen.

Die für die Verifikation der Elimination zuständige Kommission der WHO für die Region Europa gibt allen Ländern jährlich eine Empfehlung mit Verbesserungsvorschlägen in ihrem Bericht mit. Italien und Frankreich bekommen regelmäßig Hinweise, dass die Impfraten zu niedrig sind. Deutschland wurde jedoch bereits 2018 aufgefordert die Masernüberwachung zu verbessern: „Weitere Anstrengungen zur Identifizierung von Übertragungsketten anhand epidemiologischer Daten und Labordaten sind erforderlich“ (sinngemäße Übersetzung).

Auch in diesem Jahr bemängelt die WHO in ihrem Bericht 2019 erneut die schlechten Nachweise bei den Übertragungsketten für das Jahr 2018: „Die RVC (= Abteilung der WHO zur Auswertung der Mitgliedsländerdaten und Zertifizierung der Maserneliminierung – Abkürzung für regionale VerfizierungsKommission) ist weiterhin besorgt über den Anteil nicht genotypisierter (Feststellen des Erbguts) Übertragungsketten und die hohe Anzahl sporadischer Fälle (140). Die RVC ist der Ansicht, dass weitere Anstrengungen erforderlich sind, um die Ermittlung von Fällen und Ausbrüchen zu verbessern und ein besseres Verständnis der Übertragungsketten zu ermöglichen“ (sinngemäße Übersetzung).

Hiermit wird klar, welch großes Defizit die deutschen Gesundheitsbehörden bei ihren Aufgaben im Rahmen der Nachweisefür die Elimination haben! Über ein Drittel (26 von 73) wurden nicht typisiert, so dass diesen Ausbrüchen auch keine weiteren Fälle zugeordnet werden können! Fast zwei Drittel (140 von 213) der Einzelfälle wurden ebenfalls nicht typisiert und konnten somit keinen Ausbrüchen zugeordnet werden!

Dieses Problem ist nicht neu. Bereits ein Jahr zuvor hatte die NAVKO (Nationale Verifizierungskommission für Masern/Röteln beim RKI) klar darauf hingewiesen, dass der im Jahr 2016 gelungene Nachweis (mit dem zuerkannten Status der Unterbrechung für 12 Monate) wegen fehlender Daten 2017 wieder verloren ging. Hätten die deutschen Behörden also 2017 und 2018 einfach nur die von der WHO geforderten Typisierungen durchgeführt (was reine Verwaltungsarbeit ist), hätte Deutschland den Status der „Elimination“ mit höchster Wahrscheinlichkeit heute bereits zuerkannt bekommen – und eine Impfpflicht bei Masern wäre hinfällig.

Ein weiteres Problem besteht durch die sogenannten Impfmasern, die leicht mit den echten Masern verwechselt werden können und daher unnötigerweise die Fallzahlen im WHO-Bericht erhöhen! Bei jedem Masernfall, der kurz zuvor geimpft wurde, sollte also unbedingt ein Labortest gemacht werden, ob es sich um die Impfviren handelt. Im Jahr 2018 war von den gemeldeten 543 Masernfällen bei jedem Zehnten der Impfstatus unbekannt, so dass auch kein Labortest auf Impfmasern angeordnet wurde.

Auch alle importierten Masernfälle, d.h. Masern, bei denen sich der Erkrankte im Ausland angesteckt hat, können von der Masernfallzahl, die an die WHO berichtet werden muss, abgezogen werden! Neben der Ermittlung des Ansteckungsortes wäre auch hier ein Labortest, der dann möglicherweise einen Feintyp aus dem Ausland nachweist, zwingend nötig.

Das RKI bietet allen Gesundheitsämtern die Durchführung eines Masernschnelltests an. Es handelt sich dabei um einen leicht durchzuführenden Test, ein Rachenabstrich genügt. Innerhalb kurzer Zeit würde dem Gesundheitsamt für weitere Maßnahmen dann die Bestätigung vorliegen, ob es sich um Masern bzw. um Impfmasern handelt. Anschließend könnte das RKI die Feintypisierung durchführen.

Aufgrund der föderalistischen Strukturen in Deutschland – das Gesundheitswesen ist ausschließlich Ländersache – darf das RKI bei einem Masernausbruch nicht von sich aus tätig werden. Die Länderbehörden müssten das RKI um Hilfe bit- ten, was wohl selten geschieht.

Ganz offensichtlich liefern die lokalen Gesundheitsämter der NAVKO (RKI) nicht im ausreichenden Umfang die für die Zertifizierung durch die WHO nötigen Daten! Für zu wenige Masernfälle liegen der Ursprung der Infektion bzw. die Feintypisierung vor. Mögliche Gründe sind fehlende finanzielle oder fehlende personelle Ressourcen bei den Gesundheitsämtern.

Es liegt der begründete Verdacht nahe, dass Deutschland die Masern längst eliminiert hätte, wenn die lokalen Gesundheitsbehörden die nötigen Daten in ausreichender Menge und Qualität liefern würden.

 

Gesundheitsminister Spahn wäre gut beraten, statt einer Impfpflicht eine Analyse der Ursachen für die Datenprobleme in Auftrag zu geben, so dass die für die Elimination nötigen Voraussetzungen geschaffen werden können. Durch das Impfpflichtgesetz kommen umfangreiche neue Aufgaben auf die lokalen Gesundheitsämter zu. Die Engpässe in den Gesundheitsämtern dürften sich dadurch noch verschärfen und die Elimination noch weiter in die Ferne rücken. Es wirkt wie ein blinder Aktionismus, die wahren Ursachen für die bisher nicht erfolgte Elimination durch eine Impfpflicht kaschieren zu wollen.

Nehmen die Masern wirklich zu?

In den Massenmedien hört bzw. liest man von einer Zunahme der Masern – in Deutschland und weltweit. Auch im Entwurf des Impfpflicht-Gesetzes (Masernschutzgesetz)19 wird dieses Argument gleich in der Einleitung im ersten Absatz angeführt: „2018 kam es weltweit zu einer Verdoppelung der Masernfallzahlen.“ Zunächst irritiert einen hier, warum eine deutsche Impfpflicht mit weltweiten Masernzahlen begründet wird.

Die Antwort ist so logisch wie entlarvend: In Deutschland gibt es keine Zunahme!

Seit dem Jahr 2001 gibt es in Deutschland eine Meldepflicht für Masern. Das RKI stellt diese Meldedaten wöchentlich in der Datenbank SurvStat (engl. Abkürzung für Surveillance Statistik: Überwachungsstatistik) zur Verfügung. Die Grafik dieser wöchentlichen Meldedaten in Abbildung 7 beweist schon beim ersten Blick sehr ein- drucksvoll, dass von einer Zu- nahme der Masern in Deutsch- land keine Rede sein kann.

 

 

Die Schwankungen im Laufe des Jahres sind typisch für die Masern und seit Langem bekannt. Meist liegt der Jahresgipfel am Ende des Winters oder zu Beginn des Frühlings. Als mögliche Ursachen werden die am Ende des Winters verbrauchten Vitaminspeicher (Vitamin A) und die niederen Vitamin-D-Spiegel genannt (bedingt durch den Winter mit weniger Sonneneinstrahlung). Da sich ein Vitamin-A-Mangel ungünstig auf den Verlauf der Masern auswirkt, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation auch in Industrieländern, wenigstens bei schwereren Masernverläufen, eine zweimalige hochdosierte Vitamin A-Gabe zu Beginn der Erkrankung.

Ab und zu las oder liest man in den Massenmedien immer noch, dass dieses Jahr 2019 ein ganz besonders schlimmes Masernjahr sei. Auch hier können wir eine Grafik zu Rate ziehen: Bis zum Erstellungsdatum dieses Artikels wurden die Masernfälle der ersten 35 Kalenderwochen im Jahr 2019 veröffentlicht. Wir vergleichen folglich die Summe der ersten 35 Kalenderwochen aus allen Jahren seit 2001 und stellen sie in einer Grafik dar (Abb. 8). Die gestrichelte Linie stellt den Durchschnitt der Summe der ersten 35 Kalenderwochen von 2001 – 2019 dar.

Die Summe der in diesem Jahr bisher gemeldeten Masernfälle liegt also unter dem langjährigen Durchschnitt, ja bei sogar nur 38 Prozent. Es zeichnet sich ein eher mildes Masernjahr ab.

Die Schwankungen in der Grafik sind seit langer Zeit, und auch schon vor Einführung der Impfung, bekannt – und typisch für die Masern. Auf eher stärkere Masernjahre folgen schwächere und umgekehrt. Hierfür gibt es verschiedene Erklärungsansätze, der einleuchtendste geht davon aus, dass sich in schwächeren Jahren Menschen ohne Immunität an- sammeln und die Masern dann überwiegend in den stärkeren Jahren durchmachen. Danach dauert es wieder eine Weile, bis sich genügend Menschen ohne Immunität ansammeln.

Wie gefährlich sind Masern? Sind Masern so gefährlich, wie im Gesetzentwurf behauptet?

Zweifelsohne können Masern und die bakteriellen Folgeerkrankungen bei manchen Menschen einen schweren oder gar tödlichen Verlauf nehmen.

Jeder Todesfall ist tragisch. Die Maserntoten gegen die Impftoten aufzurechnen ist ethisch problematisch. Wir geraten da- mit in schwieriges Fahrwasser: „Wie viele Impftote wiegen einen Maserntoten auf?“ (und umgekehrt). Es ist dennoch wichtig, sich mit dem Masernrisiko zu beschäftigen, da die Schwere der Erkrankung eine der Begründungen im Gesetzentwurf darstellt: „Masern gehören zu den ansteckendsten Infektionskrankheiten des Menschen. Sie verlaufen schwer und ziehen Komplikationen und Folgeerkrankungen nach sich. Eine Maserninfektion ist damit, anders als verbreitet angenommen, keine harmlose Krankheit. […] Masern werden durch Viren ausgelöst und gehören zu den ansteckendsten Infektionskrankheiten des Menschen. In vielen Fällen treten schwere Komplikationen, im schlimmsten Fall mit Todesfolge auf.“ Um ein Gefühl für die Schwere der Erkrankung zu bekommen, wollen wir zunächst die Todesfallzahlen aus zwei verschiedenen Tabellen betrachten: Masern-Todesfälle und SSPE-Todesfälle* (Abb. 9a und 9b). SSPE ist eine erst Jahre später auftretende schwere und immer tödliche Hirnerkrankung. Welche Ursachen letztlich eine SSPE auslösen, ist nicht bekannt. Es handelt sich um ein sehr seltenes Ereignis.

*SSPE: Schwere Gehirnentzündung mit in der Regel tödlichem Verlauf. SSPE gilt schulmedizinisch als Langzeitfolge einer Masernerkrankung im Säuglingsalter. Zu der entsprechenden Diagnose gehört ein Maserngeschehen im Säuglingsalter und der Nachweis des Masernvirus im Gehirnwasser. Aus schulmedizinischer Sicht kann eine SSPE Monate bis Jahre nach der Masernerkrankung auftreten. Andere medizinische Schulen machen allerdings andere Ursachen für die Erkrankung verantwortlich. (Abkürzung für „subakute sklerosierende Panenzephalitis“; subakut: mäßig schnell oder relativ plötzlich auftretend; sklerotisierend: mit krankhafter Verhärtung einhergehend durch Vermehrung von Bindegewebe; pan: ganz, gänzlich, sämtlich, alles betreffend; enzephalitis: gr. encephalon: Gehirn – und Endungitis für entzündliche Erkrankungen.)

 

In beiden Tabellen fällt auf, dass das Durchschnittsalter der Todesfälle im mittleren Erwachsenenalter liegt. Bei Masern deckt sich das mit den generellen Beobachtungen, dass die Erkrankung im Erwachsenenalter mit mehr Komplikationen einhergehen kann als im Kindesalter. Allerdings scheinen auch hier (wie auch bei fast allen anderen Infektionskrankheiten) chronische Grunderkrankungen das Risiko zu erhöhen. Diese Differenzierung ist bei der Todesursachenstatistik nicht möglich, weil es dazu keine Angaben gibt. Die SSPE tritt in seltenen Fällen Jahre nach einer Maserninfektion in den ersten Lebensjahren auf. Das hohe Durchschnittsalter der SSPE-Todesfälle ist nicht erklärbar und wirft deshalb Fragen auf.

Wenn man jedoch sämtliche Todesfallzahlen aus den beiden Tabellen zusammenzählt und den Jahresdurchschnitt bildet, sterben jährlich ca. 5 Menschen aus allen Altersgruppen an den Folgen von Masern. Um diese Kennzahl besser einordnen zu können, bieten sich Vergleiche mit anderen Lebensrisiken an:

Krankenhausinfektionen (im Krankenhaus erworbene, meist bakterielle Infektionen) sind in Deutschland nicht meldepflichtig. Man schätzt, dass es jährlich ungefähr 400.000 bis 600.000 Infektionen und rund 10.000 bis 15.000 Todesfälle gibt.

In den ersten 5 Lebensjahren sterben im Schnitt 150 Kinder jährlich durch Unfälle (Straßenverkehr, häusliche Unfälle). 37 Kinder zwischen 0 und 5 Jahren ertrinken jedes Jahr!

Vor diesem Hintergrund ist das Aufbauschen der Masern schlecht nachvollziehbar.

Zusätzlich zur Todesursachenstatistik steht uns die Statistik der Krankenhausdiagnosen für die Beurteilung der Schwere von Masern zur Verfügung.

Im Jahr 2017 wurden z.B. 924 Masernfälle gemeldet. 422 Fälle wurden im Krankenhaus behandelt, davon annähernd die Hälfte ohne Komplikationen (209 Fälle). Viele Masernfälle werden also ohne erkennbare Notwendigkeit ins Krankenhaus eingewiesen. Normal verlaufende Masern können unter (haus-)ärztlicher Begleitung gut zu Hause auskuriert werden.

Eine mögliche Ursache für die hohe Rate an Krankenhauseinweisungen könnte die unverhältnismäßige Panikmache in den Medien sein, wegen der Menschen bei Masern dann lieber ins Krankenhaus gehen. Wegen des oben beschriebenen zusätzlichen Infektionsrisikos im Krankenhaus, ist diese Entwicklung problematisch.

Die Aussagen im Gesetzentwurf wirken vor diesen Hintergrund übertrieben und polemisch, wenngleich natürlich jeder Todes- oder schwere Erkrankungsfall problematisch ist.

Sind Kinder wirklich das Problem bei den Masern?

Wie geschildert, haben Erwachsene ein höheres Risiko für Komplikationen bei Masern als Kinder. Aus diesem Grund ist die Altersstruktur der gemeldeten Masernfälle von Interesse.

Vor der Einführung der Massenimpfungen waren Erwachsenenmasern selten, da nahezu alle Kinder die Masern bis zum Alter von 10 Jahren durchgemacht hatten. Durch die allmähliche Einführung der Massenimpfungen ab den 1980er Jahren in Deutschland kam es zunehmend zu Immunitätslücken bei Erwachsenen. Viele Erwachsene wurden in der Kindheit nicht gegen Masern geimpft und hatten aber auch keine echten Masern durchgemacht. Aus diesem Grund empfahl die STI-KO im Jahr 2010 für alle nach 1970 geborenen Erwachsenen, die entweder ungeimpft sind, oder deren Impfstatus unklar ist, die keine oder nur eine Impfung in der Kindheit hatten, eine MMR-Impfung. Diese Empfehlung ist jedoch der überwiegenden Mehrheit der betroffenen Erwachsenen völlig unbekannt, wie aus einer Umfrage aus dem Jahr 2016 hervorgeht:

„1970 oder später Geborene, die nicht ausreichend gegen eine Masernerkrankung geschützt sind oder deren Immunstatus unklar ist, wurden gefragt, aus welchen Gründen sie sich bisher nicht gegen Masern haben impfen lassen. Wissensdefizite spielen hier eine große Rolle: Die Mehrheit der Befragten gibt an, dass sie niemand auf die Notwendigkeit einer Impfung hingewiesen hat (61 %). Etwa jeder Fünfte (jeweils 18 %) geht davon aus, nicht zu einer Gruppe zu gehören, für die eine Impfung gegen Masern empfohlen wird, oder begründet die nicht erfolgte Masernimpfung mit der Angst vor Nebenwirkungen.“

 

 

Damit liegen sinnvolle Maßnahmen für die Erwachsenen in der empfohlenen Altersgruppe auf der Hand: Aufklärung.

Wie viele Erwachsene bekommen bei uns in Deutschland nun die Masern? Sind Masern nach wie vor eine Kinderkrankheit, so dass eine Impfpflicht für Kinder vernünftig und logisch ist? Seit letztem Jahr sind über die Hälfte aller gemeldeten Masernfälle Erwachsene. Tendenz steigend (Abb. 11). Die Krankheit verschiebt sich also zunehmend in höhere Lebensalter, was wegen des höheren Komplikationsrisikos ungünstig ist.

 

 

Immer mehr Kinderärzte gehen dazu über, ungeimpfte Kinder aus ihrer Praxis zu verbannen. Diese seien eine Gefahr für andere Kinder, vor allem für noch ungeimpfte Säuglinge. Da jedoch überwiegend Erwachsene an Masern erkranken, müssten die Kinderärzte eigentlich auch alle ungeimpften Begleitpersonen aus der Praxis werfen.

Zusammengefasst: Weit mehr als die Hälfte der Masernfälle sind Erwachsene. Der Anteil der Erwachsenen unter den gemeldeten Masernfällen nimmt von Jahr zu Jahr zu. Zwei Drittel der Erwachsenen wissen nicht, dass für sie eine Impfung empfohlen ist. Aus diesen Gründen müsste es logischerweise statt einer Impfpflicht für Kinder umfangreiche Aufklärungskampagnen für Erwachsene geben!

Was könnten die möglichen wahren Hintergründe sein?

Das Impfpflicht-Gesetz ist also unnötig! Die eigentlichen Probleme liegen im Versagen der Gesundheitsbehörden beim Liefern der Daten für den WHO-Bericht. Es stellt sich also die Frage, was dann die eigentlichen Ursachen sein könnten, warum unser Gesundheitsminister dieses Gesetz vorantreibt.

Jens Spahn wurde schon mehrfach als Kanzlerkandidat gehandelt und hat für den Parteivorsitz kandidiert. Er möchte offenbar schnell Karriere machen: „Zukunft braucht Ungeduld, braucht Tatendrang.“ Hierfür hat er sich wohl das Ziel gesetzt, in kürzester Zeit eine maximale Anzahl an Gesetzen durchzubringen. Das eventuelle baldige Ende der großen Koalition könnte eine zusätzliche Erklärung für seine Eile (16 Gesetze in 16 Monaten Amtszeit) liefern.

Die Unterstützer aus der Industrie sind dem Lobbyisten Spahn sicher. Er hat sich wegen des Mehrbedarfs durch die Impfpflicht bereits frühzeitig mit Impfstoffherstellern beraten. Man werde weitere Produktionskapazitäten für die 3- und 4-fach-Kombi-Impfstoffe mit Masernkomponente aufbauen.

Die Gesundheitsbehörden hätten eine unbequeme Zeit vor sich, wenn Spahn die dort offensichtlich dringend nötigen Strukturänderungen mit der gleichen Entschlossenheit durchziehen würde. Das würde erklären, warum er von seinen Leuten aus seinem Ministerium wenig Gegenwind kommt.

Was können wir tun?

Das größte Problem stellen derzeit falsche Fakten dar. Durch raffinierte und teils von langer Hand geplante Manipulation der Öffentlichkeit auf Basis dieser falschen Fakten geraten jetzt tragischerweise unsere Grundrechte in Gefahr. Es liegt daher auf der Hand, dass unsere derzeit wichtigste Aufgabe ist, die korrekten Fakten zu verbreiten. Sei es im nahen Umfeld oder bei Politikern und Journalisten.

Dabei gilt es darauf zu achten, dass man sich nicht zu einer Diskussion pro und contra Impfen verleiten lässt. Das ist ein „Nebenkriegsschauplatz“, der aber aus strategischen Gründen gezielt in den Fokus gerückt wird.

Jeder, der die Impfpflicht kritisch sieht, wird automatisch zu einem Impfgegner erklärt. Das ist jedoch fachlich falsch und daher unzulässig. Ein Sechstel aller Eltern (17 Prozent), die Impfungen grundsätzlich positiv sehen, lassen manche Impfungen bei ihrem Kind bewusst später durchführen. Es gibt also eine große Anzahl von Eltern, die Impfungen an sich gutheißen, gegen eine Impfpflicht aber Vorbehalte haben sollten, da ihr Recht auf eine selbstbestimmte verantwortungsvolle Impfentscheidung dadurch beschnitten wird. Voraussetzung wäre gerade bei diesen Eltern, dass sie die echten Fakten kennen.

Neben der Verbreitung der echten Fakten ist daher die zweite wichtige Aufgabe, zu zeigen, dass wir viele sind. Wenn das Gesetz nämlich beschlossen wird, werden wir mit Entschlossenheit Verfassungsbeschwerden erheben. Das Bundesverfassungsgericht wird in seine Bewertung die Fragestellung, ob es sich bei diesem Thema um einzelne Außenseiter oder um viele vernünftige Menschen handelt, einfließen lassen. Aus diesem Grund wurde der Verein „Initiative freie Impfentscheidung“ ins Leben gerufen (siehe www.initiative-freie-impfentscheidung.de). 

Sobald diese Initiative als gemeinnütziger Verein eingetragen ist, werden wir Mitglieder aufnehmen. Schon derzeit gibt es einen Newsletter, in den man sich eintragen kann, um zeitnah zu allen Themen rund um den Verein und die drohende Impfpflicht informiert zu werden. Der Verein arbeitet eng mit dem Verein „Ärzte für individuelle Impfentscheidung e.V.“ zusammen. Das vom Ärzteverein beauftragte Verfassungsgutachten durch Prof. Stephan Rixen aus Bayreuth wird die Grundlage für eventuell nötige Verfassungsbeschwerden durch Betroffene bilden. Dabei wird die „Initiative freie Impfent- scheidung“ eng mit Prof. Rixen zusammenarbeiten.

Ein persönliches Wort zum Schluss

Es ist erschütternd, wie mühelos ein Minister auf der Basis von komplett falschen Fakten ein derartiges Gesetz durchdrückt. Die Politik verspielt hier das restliche Vertrauen ihrer Bürger. Wir müssen damit rechnen, dass dieses Impfpflichtgesetz den Weg für weitere tiefe Eingriffe in unsere Grundrechte bahnt. Über das Versagen der Massenmedien als eigentlich sogar in der Verfassung geschützte letzte Kontrollinstanz unserer Demokratie, brauchen wir keine weiteren Worte oder Gedanken zu verlieren.

Es ist an uns Bürgern aufzustehen, Gesicht zu zeigen und für unsere Rechte aktiv einzustehen. Eine Alternative gibt es nicht. Das muss uns klar sein.

Autor: Michael Hinz 

https://www.sabinehinz.de

 

Quellenverzeichnis:

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